Neuseeland - Fiordland - Hollyford Track - Wanderweg

Neuseeland: Abenteuer Hollyford Track

Neuseeland - Hollyford Track
Foto: Ben Wiesenfarth

Der Hollyford Track erschließt eine der entlegensten Regionen des neuseeländischen Fiordlands. In fünf Tagen führt er durch tiefen Wald an eine wilde Küste.

Eine alte Zapfsäule, von einem eiligen Pinsel irgendwann einmal rot und grün überstrichen, rostet neben einer Reihe anderer Gerätschaften vor sich hin. Daneben weisen die Sohlen zweier Gummistiefel in den Himmel, die Schäfte stecken in der Erde. »Irischer Fallschirm springer« steht auf einem Schild davor, etwas weiter baumelt die Attrappe einer Wasserstoffbombe in einem Gerüst. Laut Aufschrift soll sie vom neuseeländischen Premierminister persönlich entschärft wor den sein.

Willkommen im letzten Außenposten der Zivilisation: Gunn‘s Camp im Hollyford Valley, Fiord land Nationalpark, Neuseeland – Campingplatz, Museum und Kuriositätenkabinett in einem. Man hätte den Schöpfer des Ortes und seinen skurrilen Humor gerne kennengelernt, doch seit 2005 ist Murray Gunn in Rente. Schon sein Vater, Davey Gunn, der das Camp im Jahr 1951 erwarb, war eine Legende hier im Tal und Träger der King George VI’s Coronation Medal, vergleichbar mit dem Bundesverdienstkreuz. Doch davon später mehr.

An Gunn‘s Camp kommt jeder, der den Hollyford Track gehen will, vorbei. Die bunt bemalten Hütten liegen an dem Schottersträßchen, das von der Hauptstraße zum Milford Sound etwa 15 Kilometer in das Hollyford Valley sticht. Als westlichster und längster Einschnitt der zerklüfteten Südküste zieht sich das Tal über 80 Kilometer schnurgerade nach Norden, zum Strand der Martins Bay. Ein paar Kilo meter landeinwärts liegt der 15 Kilometer lange Lake McKerrow, ein ehemaliger Fjord, der durch die Sedimente des Hollyford River von der Tasmanischen See abgeschnitten wurde.

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In 5 Etappen durch Neuseelands Naturwunder

Foto: outdoor | Jochen Fischer

Der Hollyford Track führt in fünf Etappen durch diese Landschaft, durch dichten Urwald, vorbei am Ufer des Sees zum Meer. Mit etwa 4000 Wanderern im Jahr wird der Weg ver gleichsweise wenig begangen. Keine Straße und keine Schiene führt in die Martins Bay, lediglich über zwei holprige Flugfelder gelangen Reisende schnel ler als zu Fuß in diese urzeitliche Landschaft. Hier wächst ein Regenwald, wie es keinen zweiten auf der Welt gibt. Mächtige Steineiben, die nur auf Neuseeland heimisch sind, ragen in den Himmel. Sie tragen exotische Namen wie Matai, Miro, Rimu, Totara und Kahikatea. Als sich die Doppelinsel vor mehr als 80 Millionen Jahren vom Urkontinent Gondwanaland abtrennte, nahm sie auch frühe Baumarten mit, die sich seitdem eigenständig weiterentwickelten.

Und so ist eine Wanderung durch das Hollyford-Valley auch ein Gang durch die Evolutionsgeschichte der Pflanzen. Gut, wenn man auf so einer Reise eine Frau wie Kirsty Walker dabei hat. Die 34-jährige Führerin ist auf einer kleinen Farm etwas weiter südlich aufgewachsen und kann bei jedem Blick auf den Boden ein gutes Dutzend Pflanzen benennen, die ein moderner Büromensch mit etwas Glück gerade noch in Moose, Farne und Bäume unterteilen kann. »Be carefull!«, sagt sie schon nach den ersten Kilometern und weist auf ein Gebüsch am Wegesrand.

Ongaonga, auch bekannt als Nesselbaum, ist vielleicht die einzige wirkliche Gefahr, die die Flora und Fauna Neuseelands für Wanderer bereithält. Schon ein leichter Hautkontakt mit diesem Verwandten der Brennnessel kann zu tagelangen Schmerzen führen. Gut, dass sich die Pflanze als Lebensraum den Rand von Gebüschen ausgesucht hat und verhältnismäßig selten Wanderern im Weg steht, die ersten 20 Kilometer des Tracks sind bestens ausgebaut. »Hier kann man auch einen Rollkoffer hinter sich herziehen«, spottet ein etwa 50-jähriger Herr mit schottischem Akzent. Seine hohen Gamaschen und die sonnengeblichene Funktionsjacke lassen vermuten, dass er raueres Terrain gewohnt ist.

Doch auf den ersten beiden Etappen geht man wie durch einen botanischen Garten und hört Kirstys Vorträgen aufmerksam zu. Bald schwirrt einem der Kopf vor den ganzen Farnarten, unter anderem sechs Baumfarne, die hier bis zu fünf Meter hoch wachsen und in grauer Vorzeit ganze Wälder bildeten. Dazwischen führt der Weg immer an das breite Kiesbett des Hollyford River, und mit ein bisschen Wetterglück strahlt über allem die weiße Eiskuppe des Mount Tutoko, mit über 2700 Meter höchster Berg des Fiordlands. Zu lange werden Wanderer allerdings nicht stehen und staunen, denn ein Gang im Fjordland ist auch immer eine Flucht vor den Kriebelmücken, in diesem Teil der Welt Sandflies genannt.

Auf sumpfigen Pfaden in Richtung Martins Bay

Foto: Ben Wiesenfarth

»Eine Sandfly fliegt einen Meter pro Sekunde. Also seid einfach schneller«, sagt Kirsty. Beschwingten Schrittes bleibt man weitgehend verschont von den Plagegeistern und erreicht schon nach fünf Stunden die Lake Alabaster Hut, am gleichnamigen See gelegen. Sie ist eine der typischen Hütten, die das Department of Conservation, kurz DOC, auf der Strecke unterhält. Mit einer Kochstelle, ein paar Bänken und einem Matratzenlager bieten sie nicht viel Komfort, doch wer eben noch in einer schwarzen Wolke aus Insekten stand oder seinen Teil von den acht Metern Niederschlag abbekommen hat, die hier im Jahr fallen, weiß ein dichtes Dach und eine Eingangstür mit Fliegengitter ungemein zu schätzen. Wenn sich dann noch der Hüttenwart schon um den Holzofen gekümmert hat, ist die Behaglichkeit perfekt. Auch der Schotte, der sich als Gerry vorstellt, hockt hier vor seinen Keksen und studiert die Karte. Vom Hollyford Valley zweigt am Lake Alabaster das Tal des Pike River ab. Eine gestrichelte, schwarze Linie zieht sich auf der Karte durch dieses Tal, eine Wanderung, die in drei Tagen in einem großen westlichen Bogen zur Martins Bay führt.

Allerdings ist das, was sich da so verheißungsvoll durch den Urwald schlängelt, wie der Hüttenwart aufklärt, kein Weg, sondern nur eine spärlich markierte Route, die durch Sumpf und über Stock und Stein führt. Der aufrechte Gang ist hier keine ausgemachte Sache mehr, für einen Kilometer kann man schon mal eine Stunde kämpfen. Wenn es dann noch regnet, und das tut es hier manchmal tagelang, kommen auch die hartgesottensten Wanderer an ihre Grenzen. Und so fährt Gerry mit seinem Finger auf der Strichellinie entlang, fragt nach dem Wetterbericht und hadert mit sich und seinen Wegen.

So wie die Pyke Route muss man sich den Hollyford Track vorstellen, als Davy Gunn in den späten 20er Jahren des letzten Jahrhunderts etwa 100 Quadratkilometer Land im Tal kaufte, um sich als Viehzüchter niederzulassen. Eine im wahrsten Wortsinn abwegige Idee, die einen vier Monate dauernden Viehtrieb in das 176 Meilen entfernte Invercargil mit sich brachte. Erfolgreicher Viehzüchter wurde Davy nie, dafür aber ein hervorragender Buschmann, der eine Reihe Hütten in das Tal baute und den heutigen Trail in den Wald schnitt. »A down to earth kiwi bloke«, wie ihn Kirsty bezeichnet.

Foto: Ben Wiesenfarth

Mit der Hängebrücke über den Pyke River gleich hinter der Lodge ändert sich der Charakter des Hollyford Track schlagartig. Den Rollkoffer kann man hier getrost stehen lassen, denn es beginnt ein Wegabschnitt mit dem ominösen Namen Demon Trail. Hier mag es sich vielleicht um eine Übertreibung handeln, aber es geht in die zerklüftete Talflanke, über Steine, Wurzelwerk und Baumstämme. Hier und da müssen Bäche überquert werden, mal auf Drahtseilbrücken, mal watend.

In abenteuerlichen Formen wachsen die Steineiben hier, wie Krakenarme spreizen sie ihre Äste, dick mit Moosen und Flechten bewachsen. Irgendwann hält Kirsty vor einem meterdicken Rimubaum. Steineiben wie diese sind zweihäusig, weiß Kirsty. Sprich: Es gibt weibliche und männliche Exemplare. Das Geschlecht lässt sich allerdings nur bestimmen, wenn die Bäume blühen.

Foto: Ben Wiesenfarth

Mit dem Kopf im Nacken läuft man staunend durch den Wald, bis man irgendwann am Strand der Martins Bay steht und ungläubig nach fünf Tagen in einer grünen Unendlichkeit in eine blaue blickt. Auf dem Sandstreifen ging in den 30er Jahren ein Flugzeug zu Bruch. Eine Person wurde schwer verletzt. Davy Gunn, der bei dem Vorfall anwesend war, holte Hilfe – und rannte den ganzen Hollyford Track entlang bis zur Milford-Straße. Wozu Wanderer heute fünf Tage brauchten, schaffte er in 21 Stunden. Das machte ihn zur lokalen Berühmtheit und brachte ihm die schon erwähnte Verdienstmedaille ein. Er war vielleicht kein guter Viehzüchter, aber ein verdammt guter Trailrunner.

Weitere Infos:

Anreise:Ein Flug nach Neuseeland kostet in der Nachsaison (März/April) weniger (ab 1000 Euro, z. B. mit British Airways). Wer nur in den Süden der Südinsel möchte, spart sich einmal Umsteigen (und eventuell auch eine Übernachtung am Flughafenhotel), wenn er über Sydney oder Melbourne direkt nach Queenstown fliegt. Früh buchen und Preise vergleichen lohnt sich. Transferflüge innerhalb Neuseelands gibt es bei airnewzealand.com

Transport vor Ort: Die Logistik am Hollyford Track ist nicht ganz einfach, da er in Martins Bay in der Wildnis endet. Völlig autark wandert, wer ein Auto am Trailhead am Ende der Hollyford Road parkt, und von Martins Bay aus zurückläuft. Der Track verlängert sich so auf 8 bis 10 Tage. Wer sich einen Teil des Rückweges sparen möchte, kann den Demon Trail entlang des Lake McKerrow mit dem Jetboat abkürzen (über hollyfordtrack.com, 110 NZ $ pro Person). Alternativ kann auch geflogen werden, entweder nach dem Track von Martins Bay zum Milford Sound, oder man fliegt vor dem Track nach Martins Bay und geht den Weg von Nord nach Süd. Flüge gibt es bei flyfiordland. com, ab 160 NZ $ pro Person (ab 2 Personen), frühzeitig buchen. Beim Anbieter tripsandtramps.com gibt es Transportpakete ab Te Anau, die sowohl Flüge als auch Bustransfers beinhalten (ab 305 NZ $ pro Person). Busfahrten zum Trailhead beziehungsweise zu Gunn‘s Camp gibt es bei tracknet.net

Mit Anbieter: Komplett sorglos und mit Guide wandern Gäste von hollyfordtrack. com. Start und Endpunkt ist Te Anau bzw. Queenstown. Allerdings verkürzt sich der Track auf drei Tage, von denen nur zwei Wandertage sind. Übernachtet wird in stilvollen Lodges, abends warten Trockenräume, ein Dreigänge-Menü und Unterbringung in Doppelzimmern. Ein Helikopterflug in den Milford Sound am Ende des Tracks ist inbegriffen. Gediegen, auch für Anfänger geeignet und vom Preis-Leistungs-Verhältnis im Rahmen: 2095 NZ $ pro Person.

Etappenüberblick:

  • 1 - Hollyford Road – Hidden Falls Hut (9 km, 2–3 Stunden)
  • 2 - Hidden Falls Hut – Lake Alabaster Hut (10 Kilometer, 3–4 h)
  • 3 - Lake Alabaster Hut – McKerrow Island Hut (10,5 km, 3–4 h)
  • 4 - McKerrow Island Hut – Hokuri Hut (13 Kilometer, 7 Stunden)
  • 5 - Hokuri Hut – Martins Bay Hut (13 Kilometer, 4–5 Stunden)

Karte und Reiseführer: Die besten Karten sind die NZTopo50, mit den Blättern CB09 (Hollyford), CA09 (Alabaster) und CA08 (Milford Sound) im Maßstab 1:50000. Außerdem gibt es eine Broschüre beim DOC.Eine OnlineKarte, basierend auf oben genanntem Kartenwerk, steht bei topomap.co.nz. Den Hollyford Track und alle anderen großen Tracks Neuseelands beschreibt der Lonely Planet Band: Hiking & Tramping in New Zealand.

Unterkünfte:

DOC-Hütten: Hollyford-Trekker müssen auf den sechs Hütten am Weg übernachten. Fünf davon sind bewirtschaftet: Hidden Falls, Lake Alabaster, Demon Trail, Hukuri und Martins Bay Hut. Eine Übernachtung kostet 15 NZ $. Die McKerrow Island Hut ist unbewirtschaftet und kostet 5 NZ $. Die Hüttenpässe müssen vorher online bei doc.govt.nz bestellt werden oder in einem der DOC-Büros in Te Anau oder Queenstown.

Gunn‘s Camp: Eine Nacht in den stilechten Hütten des Camps (Kanonenofen) bzw. auf der Zeltwiese bietet sich vor oder nach dem Hollyford bzw. Milford Track an (ab 20 NZ $). Hier kann man für 2 Dollar am Tag auch sein Auto stehen lassen. Im Netz unter gunnscamp.org.nz

In Te Anau: Wem nach 5 Tagen Wildnis der Sinn nach etwas Luxus steht, findet im Distinction Te Anau geräumige Doppelzimmer ab 300 NZ $ pro Nacht. distinctionteanau.co.nz

Weitere Reiseinfos: Travel Newzealand Allgemeine Tipps zu Neuseeland-Reisen, Transport und Unterkünften liefert die offizielle Seite des neuseeländischen Tourismusamtes: newzealand.com bzw. https://www.hollyfordtrack.com/

Insider-Tipps von outdoor-Redakteur Alex Krapp

Foto: Ben Wiesenfarth
Bei Bildern vom Mount Tarinaki müssen Fotografen sich manchmal von Landschaftsmalern helfen lassen.

Pyke River Runde: Erfahrene Wanderer, die wegloses Sumpfgelände, Wurzelverhaue und ein paar Kraxelstellen nicht scheuen, können den Hollyford Track zu einer Schleife ausbauen, indem sie in 3 bis 4 Tagen am Lake Alabaster in das Pyke River Tal abbiegen und so auch zur Martins Bay gelangen.

Seekajak: Die weglose Wildnis des Fiordland-Nationalparks lässt sich sehr schön vom Seekajak aus genießen. Auch für Einsteiger geeignete Mehrtagestouren kann man am Doubtful Sound buchen, zum Beispiel mit goorangekajaks.com

Milford Sound: Wer sich den Klassiker Milford Track auf die Fahnen schreibt, muss früh genug buchen. Eine Tagestour auf der letzten Etappe lässt sich unternehmen, wenn man das Fährboot vom Pier in Milford Sound zum Sandfly Point nimmt.

Humboldt-Fälle: Fast schon ein Geheimtipp sind die über 270 Meter hohen Humboldt-Fälle am Ende der Hollyford Road. Vom Parkplatz am Trailhead des Hollyford Track geht man weniger als eineinhalb Stunden dorthin.