Wandern im Tessin: Die 5 schönsten Frühjahrstouren

Saisonauftakt in der Schweiz: Wandern im Tessin

Im Frühling erfüllt der Klang der Wasserfälle und Wildbäche die engen Täler des Tessins. Wir stellen euch die fünf schönsten Touren für einen Saisonauftakt in der Sonne vor ...

Hier im Tessiner Bavona-Tal zeigt sich, wie sehr Mensch und Natur verschmelzen können: Auf der rund zehn Kilometer langen Talsohle von San Carlo (938 m) bis Cavergno (465 m) zum Beispiel haben große Erdrutsche steile und steinige Kegel gebildet. Zahlreiche Felsblöcke liegen quer in dem Gletschertal verstreut und wurden oftmals direkt mit den typischen Tessiner Häusern – den Rustici – verbaut. Ein gut ausgeschilderter Talweg führt von Norden kommend von San Carlo durch Sonlerto im Val Bavona. Südlich des Dorfes biegt er nach links auf eine kleine Wiese. Dort türmt sich ein über zehn Meter hoher Felsbrocken neben dem Weg auf, eine alte Steintreppe führt auf den vollkommen zugewucherten Stein.

Pittoresk geht es weiter: Über eine Holzbrücke gelangt der Wanderer über den Fluss Bavona. In den Sommer- und Herbstmonaten unscheinbar klein und harmlos, führt er nach der Schneeschmelze oft reißendes Wasser. Ein angenehm schattiger Wanderweg, teils von Steinmauern eingefasst, folgt seinem Lauf entlang der Dörfer Sèrta, Faèd und Rosèd nach Foroglio. Mit immer mächtiger werdendem Rauschen macht sich der Wasserfall gleich neben dem Dorf schon von weitem bemerkbar. Aus 80 Metern Höhe prasselt das Wasser auf einen Felsengrund, der von blühenden Wiesen gesäumt wird. Von dort zweigt ein Abstecher ins Val Calnègia.

Foto: Ticino Turismo | Alessio Pizzicannella
Blick ins Bavona-Tal.

Bis ins 16. Jahrhundert war das Bavona-Tal ganzjährig bewohnt. Dann wurden die Winter in dem über 900 Meter hoch gelegenen Seitental des Maggia-Tals immer strenger. Erdrutsche und Lawinen machten das Leben noch gefährlicher, als es in den Bergen ohnehin schon war. Heute lebt hier nur noch im Sommer jemand im Tal. Auch Guido Mafli, der Wirt der gemütlichen Grotto Bavona in Sonlerto, kehrt seiner Gaststätte im Winter den Rücken. »Im Schnee ist es hier oben nicht so idyllisch, wie sich das die Touristen im Sommer vorstellen.« Manchmal bleibt Sonlerto wochenlang eingeschneit. Als Wintergrenze der Zivilisation, wenn man so möchte, gilt deshalb seit jeher der Ort Cavergno, wo sich Val Bavone und Maggia-Tal treffen. Übersetzt heißt Cavergno (Casa d‘inverno) so viel wie »Winterhäuser«.

Foto: Ben Wiesenfarth Schweiz Tessin Frühlingstouren

Im Frühling verirren sich nur wenige Menschen in das kleine Seitental, an dessen Nordflanke steil die blanken Felsen in die Höhe schießen. In ihrem Schatten geht es auf verwunschenen Wegen zur kleinen Siedlung Puntid, wo sich der Fiume Calnègia tosend hinabstürzt. Über das Geröll seines Bachbettes erreicht man die Alm Gerra (1045 m). Die direkt an die Felsen gebauten Hütten sind Musterbeispiele der Tessiner Rustico-Kultur. Harmonisch fügen sich die Häuser mit den charakteristischen Steindächern in die Landschaft ein, als seien sie ebenso natürlich entstanden wie der glasklare Bach und die glatt geschliffenen Felsen.

Der harte Granit ist verantwortlich für die Steilheit des Maggia-Tales und seiner Seitentäler. Nur widerwillig gab das Gestein den Kräften der Erosion nach, den Wildbächen blieb zwischen den Felsen der beiden Talseiten nicht viel Raum. Großzügige Mäander sucht man hier vergebens, im Tessin kennen die Flüsse nur eine Richtung: abwärts. Während der Schneeschmelze bilden sie eines der anspruchsvollsten Kajak-Reviere der Alpen, im Sommer genießen Wanderer die wunderbar verblockten Bachbetten vom Ufer aus. Das grüne Wasser (auf italienisch: verde acqua) war namensgebend für den Fluss, der das Nachbartal der Maggia ausgrub: die Verzasca.

Foto: Ben Wiesenfarth Schweiz Tessin Frühlingstouren

Verzasca: Talwanderungen entlang glitzernder Gumpen

Zunächst erlebt man hier einen krassen Gegensatz zur Weltvergessenheit des oberen Maggia-Tales. 220 Meter hoch türmt sich der Betonbogen der so genannten Contra-Staumauer am Taleingang – ein Bauwerk, dem wohl nur Stromkonzerne und Bungee-Springer etwas Positives abgewinnen können. Weltbekannt wurde der Sprung an der großen Mauer in dem James-Bond-Film »Golden­eye«. Wagemutige lösen hier für 245 Schweizer Franken das One-Way-Ticket der Schwerkraft. Gleich hinter dem Stausee versöhnt der Ort Lavertezzo mit seiner doppelbögigen Steinbrücke das geschundene Auge.

Und auch weiter flussaufwärts findet es Balsam: Die Talwanderung von Sonogno nach Lavertezzo führt entlang glitzernder Gumpen. Von Felspool zu Felspool rinnt das Wasser – eine willkommene Erfrischung, solange man nicht in die Strömung gerät. »Cosa bella, cosa pericolosa« gemahnen daher die Schilder, die davon künden, dass eine schöne Sache auch eine gefährliche sein kann. Nicht nur durch die Schilder spürt man, dass das Tessin italienischsprachig ist. Minestrone, Risotto, Polenta, marinierte Fische oder Vitello tonnato zählen ebenso zur Küche wie kalte und warme Braten mit Bratkartoffeln, Kaninchen oder Pilze. Wer Deutsch sprechen will, muss zurück in das Maggia-Tal ...

Das Dorf Bosco Gurin

Foto: Renato Bagattini | myswitzerland.com

Die einzige deutschsprachige Ortschaft des Kantons Tessin blickt auf eine 750-jährige Geschichte zurück. Im zwölften und dreizehnten Jahrhundert ließen sich die Walser aus dem Oberwallis hier nieder. Im Jahr 1980 sprachen noch 94 Prozent der Einwohner Deutsch, bei einer Volkszählung 2000 gaben von 71 Einwohnern nur noch 23 Deutsch als Hauptsprache an. Doch auf den Schildern stehen die Flurnamen noch immer im Walliserdeutsch. Der Hang oberhalb von Bosco Gurin beispielsweise heißt Üssera Staful. Über ihn gelangen Wanderer zum Schwarzsee (2315 m) und Üssera See (2393 m), in der Ferne erstrahlen die Tessinberge mit ihren zerklüfteten Tälern, zackigen Steilhängen und grün schattierten, bewachsenen Hängen. Es folgt einer der für das Tessin typischen Abstiege: Ein steiler Zickzack führt auf die Hochtalebene in Camanoi (1136 m).

Schnell ist von hier aus die nächste Busstation in Corino erreicht und damit auch wieder die Schweiz, wie man sie kennt: mit einem präzise funktionierenden Personennahverkehr. Hinter mancher Bushaltestelle verbergen sich herrliche Badestätten, wie zum Beispiel im Dorf Maggia selbst, an der Schlucht bei Ponte Brolla oder entlang des gesamten Verzasca-Tals. Die kühlen, smaragdgrünen Wassermassen im rund ausgespülten Flussbett sind nach den langen Wandertagen wie eine Ladestation der eigenen Batterie – ganz ohne Strom.

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